Presse

Süddeutsche Zeitung , 24. August 2000

Aus der Serie „Künstler im Viertel“: Der Maler Brosi Ambros

 

Momentaufnahmen der Einsamkeit

 

In einem ehemaligen Milchladen hat der Künstler sein Atelier und das „Schwabinger Kunstkabinett“ untergebracht (von Claudine Melcher)

 

Brosi Ambros` schwarz-grau gekleidete Herren undefinierbaren Alters, ihre Blicke durch Sonnenbrillengläser noch undurchsichtiger als ohnehin schon, im Hintergrund knallrote Cola-Blechreklame, grelle Beleuchtung der Szenerie – wo ist dieser Ort eigentlich? „Schwabing 2000“ nennt der Maler Brosi Ambros dieses Bild. Von romantischer Bohème-Atmosphäre in verräucherten Kellerlokalen ist nichts mehr übriggeblieben. Diese „location“ mit ihrer eisigen Kälte könnte sich in jeder Großstadt befinden. Menschen der Großstadt, ihre Einsamkeit und Isolation, das ist das Thema des 1940 in Zwittau (Tschechei) geborenen Künstlers, der in Wien und in München an den Kunstakademien studiert hat und durch ein Stipendium in die USA kam. Dort, in seinem Wohnsitz Chicago und durch die Betrachtung  von Edward Hoppers Großstadtbildern im Original entdeckte er die Thematik, die er „schon geahnt“ hatte und die ihn bis heute bewegt. In der Seidlvilla konnte man im Mai dieses Jahres unter dem Thema „Schwabing – Traumstadt – Albtraum“ seine unbestechlichen Bestandsaufnahmen betrachten. Mit filmisch genauem Blick beobachtet Brosi Ambros seine Umgebung, hält „Momentaufnahmen“ wie in einem Spot fest .Durch die Tür seines Schwabinger Kunstkabinett-Ateliers, eines ehemaligen Milchladens in der Römerstraße 3, fällt sein Blick auf Paare, Passanten. Ab und an schaut ein Besucher in seinen bis unter die Decke mit Bildern behängten Arbeitsraum herein. „Wenn mehr kämen, könnte ich nicht arbeiten.“ Er braucht viel Zeit und Ruhe, um die Eindrücke zu verarbeiten, die er bei Spaziergängen  durch die Straßen der  Großstadt, über öffentliche Plätze oder bei seinen Besuchen in Kneipen und Cafés gewinnt. Auch in Waschsalons findet er die vereinzelten Gestalten, deren Ausdruck, Bewegung und Haltung er genau studiert und in Skizzen festhält.

Erschreckend krass, doch nie zynisch oder degradierend erscheinen dann seine illusionslos realistischen  Darstellungen der Großstadtexistenzen, oft von Menschen, die aus dem sozialen Netz gefallen sind: Obdachlose, Kneipenbesucher auf der Suche nach Nähe, und doch unfähig, sich dem Nachbarn mitzuteilen, Paare, deren Blicke aneinander vorbeigehen, beziehungsloses Nebeneinander. Sie erscheinen zumeist in kühlen Grau-Blautönen der „Stunde des Wolfs“ bei fahler nächtlicher Szenerie. Schroffe Licht-Schatten-Kontraste betonen die Augenblicksmomente der Einsamkeit, und manchmal schrecken karmesinrote Flecken den Betrachter auf. Dabei verwendet Brosi Ambros, dessen große Vorbilder in der Malerei der „comédie humaine“ Daumier und Toulouse-Lautrec sind, für seine Bilder zumeist Öl auf Hartfaserplatte.

 

Die existenzielle Einsamkeit – ein Thema in der modernen Literatur wie in der bildenden Kunst -  sieht der Künstler als Zeitkrankheit, verborgener in scheinbar intakten Familien, elementar sichtbar in der Öffentlichkeit. „Wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt, steckt meist ein ziemlich tragisches Schicksal dahinter“, meint Brosi Ambros, der jedoch „keine Geschichten erzählen“ möchte. Die Geschichte muß im Betrachter selbst entstehen.

 

Längere Aufenthalte in Spanien haben auch ganz andere Motive entstehen lassen: eine archaische Welt, der Fischer, der alten Frauen beim Wäscheaufhängen, mit Eseln auf staubigen Straßen und dunklen Hauseingängen. Die damalige gemeinschaftliche Atmosphäre einer Künstlerkolonie wurde vor nicht langer Zeit bei einem Wiedersehen und einer Ausstellung in Spanien wieder wach. Es wäre doch auch für München eine Bereicherung, wenn der „Großstadtmaler“ diese Facette seines Schaffens einmal hier zeigen könnte. Hier in München, speziell in Schwabing, wirkt der Künstler, dessen Ausstellungen neben Deutschland und Spanien auch in England und den USA schon zu sehen waren, als Chronist im Wandel der menschlichen Beziehungen. Keiner Künstlergruppe angehörig, sieht er sich als einen beobachtenden Einzelgänger. Seine Bilder agieren nicht polemisch, greifen nicht an, sind aber auch niemals Karikatur oder Bloßstellung. „Die Menschen sollen ihre Würde bewahren“ ist ein Leitmotiv des einfühlsamen Malers. Immer wieder ist Brosi Ambros fasziniert von der „interessantesten Landschaft, die es gibt: dem menschlichen Gesicht“. Ein Gesicht, wie das des verloren vor sich hinblickenden Obdachlosen am Kneipentisch, zerfurcht und voller Trauer. Ein Gesicht auch ohne Bosheit und Verbitterung. Ein Lichtkegel fällt von oben auf ihn herab „wie ein Heiligenschein“, meint Brosi Ambros.

 

 

 

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© Constanze Neudek